Cloud-Kosten, die niemand budgetiert hat

Die Cloud-Rechnung kommt monatlich, sie stimmt rechnerisch, und trotzdem kann in vielen Unternehmen niemand erklären, warum sie diesen Monat höher ausfällt als im letzten. Das ist kein Verwaltungsversagen — es liegt daran, wie Cloud-Kosten entstehen.

Wer einen Server kauft, trifft eine Entscheidung mit einem Preisschild. Wer Cloud nutzt, trifft tausende kleine Entscheidungen, die einzeln nichts kosten und in Summe die Rechnung ergeben. Die Kosten entstehen nicht beim Kauf, sondern im Betrieb — und dort schaut selten jemand hin.

Kurz gesagt

Cloud-Kosten im Mittelstand setzen sich aus fünf Posten zusammen: Rechenleistung, Speicher, ausgehender Datenverkehr, mitlaufende Lizenzen und ungenutzte Ressourcen. Die letzten beiden erscheinen in keinem Angebot und sind zusammen häufig der größte Block — Erhebungen unter IT-Führungskräften kommen auf einen Verschwendungsanteil von rund der Hälfte der Cloud-Ausgaben. Der erste Schritt ist deshalb nicht Verhandeln, sondern Zuordnen: Jede laufende Ressource braucht eine Person, ein Projekt und ein Ablaufdatum.

„IT-Führungskräfte verschwenden die Hälfte ihrer Cloud-Ausgaben.”

Titel einer Auswertung der Computerwoche; rund ein Drittel der Befragten (31 %) schätzt den verschwendeten Anteil sogar auf über 50 Prozent.

Warum die Cloud-Rechnung schwerer zu lesen ist als eine Serverrechnung

Beim eigenen Server war die Kostenfrage einmalig und grob: Anschaffung, Wartungsvertrag, Strom, alle paar Jahre ein Austausch. Das Ergebnis war ungenau, aber jeder wusste ungefähr, woran er war.

Cloud-Dienste rechnen nach Verbrauch. Das ist der eigentliche Vorteil — man zahlt für das, was man nutzt, und kann jederzeit nach oben und unten skalieren. Es bedeutet aber auch, dass die Rechnung eine Funktion von Verhalten ist, nicht von Verträgen. Eine vergessene Testumgebung erzeugt genauso echte Kosten wie ein produktives System, und sie tut es unauffällig, weil sie technisch einwandfrei läuft.

Dazu kommt die Struktur der Abrechnung. Eine typische Cloud-Rechnung führt Dutzende Positionen mit technischen Bezeichnungen, die außerhalb der IT niemand einordnen kann. Wer sie prüfen will, braucht zwei Dinge gleichzeitig: technisches Verständnis für die Ressourcen und betriebswirtschaftliches für die Zuordnung. Diese Kombination gibt es in mittelständischen Unternehmen selten in einer Person.

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Die fünf Kostentreiber

Woraus sich eine Cloud-Rechnung typischerweise zusammensetzt
Posten Abrechnung Warum er überrascht
Rechenleistung je Stunde und Instanzgröße läuft weiter, auch wenn niemand zugreift
Speicher je Gigabyte und Monat wächst monoton — es wird selten etwas gelöscht
Ausgehender Datenverkehr je übertragenem Gigabyte steht in keinem Angebot und ist schwer vorhersehbar
Lizenzen im Betriebssystem je Instanz und Stunde läuft im Stundenpreis mit, oft unbemerkt
Ungenutzte Ressourcen wie oben — nur ohne Gegenwert technisch unsichtbar, weil alles korrekt funktioniert

Der Posten, den fast niemand einplant: Egress

Daten in die Cloud zu bringen, ist bei praktisch allen Anbietern kostenlos. Daten wieder herauszuholen, kostet. Diese Gebühr für ausgehenden Datenverkehr — Egress — ist in kaum einer Wirtschaftlichkeitsrechnung enthalten, weil sie zum Zeitpunkt der Entscheidung niemand abschätzen kann.

Sie fällt an, wenn Daten das Rechenzentrum des Anbieters verlassen: bei Backups, die anderswo liegen, bei Auswertungen, die lokal weiterverarbeitet werden, bei jedem Umzug zu einem anderen Anbieter. Genau der letzte Punkt macht Egress zu mehr als einem Kostenposten — er erhöht die Wechselkosten und bindet damit an den Anbieter. Der Markt hat darauf reagiert; einzelne Anbieter verzichten inzwischen bei bestimmten Konstellationen auf diese Gebühren.

Für den Mittelstand ist die praktische Konsequenz überschaubar: Wer Daten regelmäßig aus der Cloud zieht, sollte diesen Posten vor der Migration abschätzen und nicht danach entdecken.

Ungenutzte Ressourcen: der größte Block

Eine Testumgebung, die nach dem Projekt nicht abgeschaltet wurde. Eine Datenbank, die für Lastspitzen dimensioniert ist, die nie eintreten. Snapshots aus dem letzten Jahr, die niemand mehr braucht. Eine zweite Umgebung, die zur Sicherheit angelegt und dann vergessen wurde.

Was diese Fälle verbindet: Sie sind technisch einwandfrei. Kein Monitoring schlägt an, keine Fehlermeldung erscheint, nichts fällt aus. Aus Sicht der Technik ist alles in Ordnung — das Problem ist rein wirtschaftlich, und deshalb sieht es niemand, der auf Technik schaut.

~50 %der Cloud-Ausgaben gelten unter IT-Führungskräften als verschwendet
31 %schätzen den verschwendeten Anteil auf über 50 Prozent
20–30 %Einsparung, die Praxisberichte für strukturierte Kostenarbeit im Mittelstand nennen

Ein Rechenbeispiel, das die Größenordnung zeigt

Zahlen aus Studien bleiben abstrakt. Deshalb ein durchgerechneter Fall, wie er in mittelständischen Umgebungen häufig vorkommt — die Werte sind bewusst konservativ gewählt und dienen der Größenordnung, nicht der Punktlandung.

Ein Betrieb mit 60 Mitarbeitenden betreibt in der Cloud eine Produktivumgebung, eine Testumgebung und ein Ablagesystem. Monatlich stehen 1.800 € auf der Rechnung. Die Positionen im Einzelnen:

Beispielhafte Aufteilung einer Cloud-Rechnung von 1.800 € im Monat
Position Monatlich Davon vermeidbar
Produktivumgebung, nach Spitzenlast dimensioniert 820 € ca. 25 % — Grundlast liegt deutlich darunter
Testumgebung, läuft rund um die Uhr 340 € ca. 70 % — nachts und am Wochenende ungenutzt
Speicher inkl. alter Snapshots 290 € ca. 30 % — Snapshots älter als ein Jahr
Ausgehender Datenverkehr 210 € schwankend, selten geprüft
Betriebssystem-Lizenzen im Stundenpreis 140 € abhängig von der Instanzwahl

Wer die Testumgebung außerhalb der Arbeitszeit abschaltet, die Produktivumgebung an der tatsächlichen Grundlast ausrichtet und Snapshots mit einer Aufbewahrungsregel versieht, landet in diesem Beispiel bei rund 1.250 € — ohne dass irgendetwas langsamer würde oder ausfiele. Das sind gut 30 Prozent, und es deckt sich mit der Größenordnung, die Praxisberichte für strukturierte Kostenarbeit nennen.

Keiner dieser drei Schritte ist technisch anspruchsvoll. Alle drei scheitern in der Praxis am selben Punkt: Es ist niemandes Aufgabe.

Rabattmodelle: nützlich, aber erst an zweiter Stelle

Alle großen Anbieter geben Nachlässe, wenn man sich für ein oder drei Jahre auf eine bestimmte Kapazität festlegt. Die Ersparnis ist real und liegt je nach Laufzeit und Vorauszahlung im deutlich zweistelligen Prozentbereich.

Der Haken liegt in der Reihenfolge. Wer sich auf eine Kapazität festlegt, die zu 30 Prozent aus ungenutzten Ressourcen besteht, kauft diese Verschwendung für drei Jahre ein — mit Rabatt zwar, aber verbindlich. Erst aufräumen, dann festlegen. Umgekehrt wird es teuer, und der Fehler ist dann für die Vertragslaufzeit eingefroren.

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Was im Mittelstand tatsächlich funktioniert

Für die strukturierte Arbeit an Cloud-Kosten hat sich der Begriff FinOps etabliert. Dahinter steckt weniger ein Werkzeug als eine Zuständigkeit: Technik und Kaufmännisches schauen gemeinsam auf dieselben Zahlen, regelmäßig statt einmal im Jahr. Praxisberichte nennen für den Mittelstand Einsparungen in der Größenordnung von 20 bis 30 Prozent — plausibel, wenn man den geschätzten Verschwendungsanteil danebenlegt.

Was davon im Mittelstand ohne eigenes Team umsetzbar ist, lässt sich auf vier Schritte eindampfen.

1. Alles bekommt einen Besitzer

Jede laufende Ressource braucht eine Person, ein Projekt und idealerweise ein Ablaufdatum — technisch als Tag hinterlegt. Ohne diese Zuordnung ist jede spätere Aufräumaktion eine Ratesitzung: Niemand traut sich, etwas abzuschalten, dessen Zweck unklar ist. Genau deshalb wird nichts abgeschaltet.

2. Ablaufdaten statt Aufräumaktionen

Eine Testumgebung mit Ablaufdatum verschwindet von selbst. Eine ohne läuft, bis jemand aufräumt — und aufgeräumt wird, wenn die Rechnung auffällt, also im Zweifel nie. Der Unterschied kostet nichts in der Einrichtung und wirkt dauerhaft.

3. Die Rechnung monatlich lesen, nicht jährlich

Zwölf Monate Rückstand bedeuten zwölf Monate bezahlte Fehler. Ein monatlicher Blick auf die größten Positionen und ihre Veränderung gegenüber dem Vormonat findet das meiste — er dauert eine Viertelstunde und braucht keine Spezialsoftware.

4. Cloud-Kosten mit den übrigen IT-Ausgaben zusammenbringen

Die Cloud-Rechnung ist nur ein Teil des Bildes. Daneben laufen Software-Abonnements, Wartungsverträge und Lizenzen, die in anderen Systemen und anderen Rechnungen auftauchen. Solange diese Posten getrennt betrachtet werden, gibt es keine belastbare Antwort auf die Frage, was die IT im Jahr kostet. Werkzeuge, die Verträge und laufende Kosten in einer Ansicht zusammenführen, setzen genau hier an — sie ersetzen keine Cloud-Kostenanalyse, sondern stellen sie in den Zusammenhang der übrigen Ausgaben.

Wann die Cloud trotzdem günstiger ist

Nichts davon spricht gegen die Cloud. Die Rechnung fällt in den meisten mittelständischen Fällen zugunsten von Cloud-Diensten aus — nur selten aus den Gründen, die im Verkaufsgespräch genannt werden.

Wo die Cloud wirtschaftlich gewinnt

  • + Schwankende Last: Kapazität lässt sich abbauen, Hardware nicht
  • + Keine Vorabinvestition, keine Abschreibung über Jahre
  • + Betrieb, Ausfallsicherheit und Updates liegen beim Anbieter
  • + Neue Vorhaben starten ohne Beschaffungsvorlauf

Wo sie regelmäßig teurer wird

  • Konstante Grundlast über viele Jahre
  • Große Datenmengen mit häufigem Abruf (Egress)
  • Ressourcen ohne Besitzer und ohne Ablaufdatum
  • Dimensionierung nach Spitzenlast statt nach Bedarf

Die ehrliche Formulierung lautet: Die Cloud ist selten billiger, aber sie ist fast immer flexibler — und Flexibilität hat einen wirtschaftlichen Wert, der in keiner Rechnung auftaucht. Wer sie ausschließlich über den Preis rechtfertigt, verliert die Diskussion irgendwann gegen eine Tabelle.

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Häufige Fragen

Was sind Egress-Kosten?

Gebühren für Daten, die das Rechenzentrum des Cloud-Anbieters verlassen. Der Weg in die Cloud ist bei praktisch allen Anbietern kostenlos, der Weg hinaus wird nach übertragenem Volumen berechnet. Sie fallen bei Backups an anderen Orten, bei lokaler Weiterverarbeitung und bei einem Anbieterwechsel an und gehören zu den am schwersten planbaren Posten der Cloud-Rechnung.

Wie viel der Cloud-Ausgaben ist typischerweise verschwendet?

Erhebungen unter IT-Führungskräften kommen auf rund die Hälfte, wobei etwa ein Drittel der Befragten den Anteil sogar über 50 Prozent ansetzt. Die Werte beruhen auf Selbsteinschätzungen und schwanken je nach Reifegrad der Organisation stark — als Größenordnung sind sie aber konsistent über mehrere Untersuchungen hinweg.

Lohnt sich FinOps für ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitenden?

Als eigene Rolle meist nicht, als Arbeitsweise schon. Es genügt, wenn eine technische und eine kaufmännische Person einmal im Monat gemeinsam auf die Rechnung schauen und bei jeder Position die Frage stellen, wem sie gehört. Der Aufwand liegt bei etwa einer Stunde monatlich.

Wie erkennt man ungenutzte Cloud-Ressourcen?

Über die Auslastungsdaten des Anbieters. Instanzen mit dauerhaft niedriger CPU-Auslastung, nicht angebundene Speichervolumen, alte Snapshots und Umgebungen ohne Zugriffe in den letzten 30 Tagen sind die üblichen Kandidaten. Alle großen Anbieter liefern diese Auswertungen mit; der Engpass ist nicht die Datenlage, sondern dass niemand regelmäßig hineinsieht.

Sollte man Cloud-Kosten und Software-Abos getrennt betrachten?

Für die Analyse ja, für die Steuerung nein. Beide folgen unterschiedlichen Mechanismen und brauchen unterschiedliche Werkzeuge zur Untersuchung. Die Frage, was die IT insgesamt kostet, lässt sich aber nur beantworten, wenn beide Blöcke am Ende in einer Übersicht zusammenlaufen.